Kino mit Realitätsverlust

Den Film habe ich gestern nach 15 Minuten weggedrückt. Heißt „Russisch Roulette“. Zur besten Sendezeit bei der ARD. Erst rannte dort ein deutsches Kind von der Mutter weg, und alle waren lange, sehr lange mit der Suche beschäftigt. Das Kind rannte ohne jeglichen Grund von der Mutter weg, nicht auf dem Weg zur Grundschule im heimischen Hinterposemuckel, sondern in der U-Bahn-Station der Millionenmetropole Sankt-Petersburg – gleich am ersten Tag nach der Ankunft aus Deutschland. Ich dachte immer, die Menschen, auch Kinder, werden in der fremden Umgebung eher schüchtern, vorsichtig und zurückhaltend. Dann geht die Mutter zur Polizei und sieht dort als Erstes, wie eine 30-jährige Polizistin im Range eines Polizeioberst einen Festgenommenen vor den Augen der Besucher der russischen (aus amerikanischen Filmen abgekupferten) Polizeistation brutal, mit voller Wucht ihren Schlagstock in den Bauch rammt, dass er sich gleich in der Mitte des Raumes übergibt. Hat mit dem Sujet des Films nichts zu tun, nur eine nette Milieubeobachtung…

Heute lese ich in der LVZ ein Interview (diese Zeitung gibt ihre Artikel im Internet leider nicht frei) mit dem Filmautor Joseph Vilsmaier.

 „Das Bild, das Sie von Russland zeichnen, ist ziemlich düster?“, behauptet eher der Journalist als dass er fragt.

Die Geschichte ist düster, hat aber mit der Realität in Russland nur begrenzt etwas zu tun“, antwortet der Autor. „Das ist Fernsehunterhaltung, ein fiktiver Thriller“.

„Aber es spielt in St.Petersburg“, lässt der Journalist nicht locker.

Der Film könnte eigentlich überall spielen, so was wie Korruption gibt es schließlich in vielen Ländern“.

Vielleicht hat der Autor in Russland böse persönliche Erfahrungen gesammelt?

Eigentlich nicht: Der Dreh „war sehr angenehm. Wir hatten keine Probleme mit den Behörden, die Leute waren kooperativ und freundlich. Ich habe mich dort sehr wohl gefühlt“.

Also, reine Kunst, nichts persönliches. Und die gedrehten Szenen haben mit der Realität nur wenig zu tun.

Trotzdem hatte ich (vermutlich wie auch der LVZ-Autor) nach 15 Minuten das Gefühl, dass Russland zum wiederholten Male aufs schlimmste verunglimpft wird.

Die Geschichte kann man jetzt nicht mehr rückgängig machen, der zweite Teil wird heute ausgestrahlt. Nur vielleicht ein Vorschlag an Herrn Vilsmaier: Beim nächsten Mal können Sie doch einen mit dem Schlagstock schlagenden deutschen Polizeidirektor (drei große goldenen Sterne, entspricht etwa dem russischen Polizeioberst) zeigen. „Der Film könnte eigentlich überall spielen, so was wie Korruption gibt es schließlich in vielen Ländern“, nicht wahr? Und mit Korruptionsfällen in Deutschland kann ich Herrn Vilsmaier aushelfen, falls er hier keine findet…

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